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Thomas Göring

So ging es los. TG auf der selbstgebauten BMX-Strecke in der Rheinstrandsiedlung, Karlsruhe, circa 1984

Thomas Göring

Ein umgebautes Bonanzarad vom Sperrmüll war 1981 Thomas Görings erster Kontakt mit BMX. Er bretterte 1981 über das Brachland, auf dem später die Karlsruher Europahalle erbaut werden sollte, wohl kaum ahnend, dass er 45 Jahre später immer noch dort fahren würde – auf einem von ihm selbst entworfenen Rad, das in seiner eigenen Firma gefertigt wird.

Zu dieser Zeit war das BMX 2000 der logische nächste Schritt und "TG" entschied sich für das schwarze Modell mit gelben Kunststofflaufrädern. Mit seinen Freunden baute er sich eine kleine Strecke in der Rheinstrandsiedlung im Westen von Karlsruhe und sie lernten erste Sprünge und fuhren kleine Rennen. Sein erstes richtiges Rennen bestritt er 1982 in Magstadt und Rainer Schadowskis persönliche Trainingsstrecke in Karlsruhe-Knielingen wurde sein Trainingsrevier.

Thomas war bei den Rennen durchaus ehrgeizig. Die 1985 eröffnete Strecke in Grötzingen bei Karlsruhe bot ganz neue Trainingsmöglichkeiten und schon im selben Jahr schaffte er es bis ins Finale beim Herbstpokal in Rödermark und erarbeitete sich damit das Recht, 1986 mit der Nummer 8 auf dem Plate anzutreten. Aber gleichzeitig zog es ihn in Richtung Freestyle, ein Sport der damals gerade ganz frisch in den Magazinen erschien. Der Weg zu den Rennen war weit, während man Freestyle überall ausüben konnte. Er lernte die Karlsruher Freestyler Christian Wendland, Kirsten Maier, Albert Retey und Jerôme Fuchs kennen. Sie fuhren immer am Karlsruher Schloss, und auch die Quarterpipe an Schadowskis Strecke hatte es ihm angetan. Gemeinsam gründeten sie ein Showteam und bekamen schnell Auftritte in und um Karlsruhe, bei Geschäftseröffnungen und Stadtteilfesten.

Im Frühjahr 1987 fuhren sie dann gemeinsam zu ihrem ersten Contest im Kölner Jugendpark, und Thomas verschrieb sich von da an ganz dem Flatland. Sie lernten die deutsche Freestyle-Szene kennen, und ihr Trainingsplatz in der Karlsruher „Amisiedlung“ wurde bald zu einem Pilgerort für Flatlander aus dem ganzen Land. Zwischen den PX-Märkten und den übergroßen Straßenkreuzern der stationierten US-Streitkräfte fühlten sie sich wie die Helden aus den Magazinen.

Doch Freestyle befand sich in einer schwierigen Verfassung: Der Sport entwickelte sich schnell, täglich machten neue Tricks die Runde, aber die Räder und Teile schienen in ihrer Entwicklung stehen geblieben zu sein. Es gab dünnwandige Rahmen mit zweifelhaften „Freestyle“-Features und Gabeln, deren Dropouts den Belastungen der Flatlander auf ihren Pegs kaum standhielten. Und diese Pegs, meist aus billigem Aluminium gefertigt und direkt auf die Achsen geschraubt, überlebten im schlimmsten Fall noch nicht einmal die erste Montage.

Thomas Göring war zu der Zeit in der Ausbildung zum Feinmechaniker und hatte im Job mit "vernünftigen" Materialien zu tun. Als sein Bruder dann in den Dienst bei der deutschen Post eintrat, kauften sie von dem ersten Gehalt eine kleine Drehmaschine und Thomas drehte im Schlafzimmer seines Souterrain Apartments sein erstes Paar Pegs. Gefertigt nach den eigenen Wunschvorstellungen waren sie nach damaligen Standard fast luxuriös groß und hatten eine konkaves Profil für mehr Halt. Eine Offenbarung! Kein Wunder also, dass Thomas’ Kumpels auch welche haben wollten und schon 1988 reiste Thomas zum Contest in Köln mit einer Zigarrenkiste voller Pegs an, die er dort verkaufte wie die sprichwörtlichen warmen Semmel. Dazu ein Name und ein Logo: KHE Bikes war geboren – die erste echte „rider owned“ BMX-Company Deutschlands. 

Der erste KHE "Do"-Peg

Der erste KHE "Do"-Peg

Thomas fand gefallen an der Arbeit. Während die erste Charge der Pegs noch handgemacht und in der Länge abhängig vom Rohmaterial war, was er gerade zur Hand hatte, war die Version zwei des „Do“-Peg 1989 ein echtes Produkt: Ausgestattet mit zwei verschiedenen Gewinden für Freilauf und Rücktrittnaben, dem charakteristischen Konkave-Design und hergestellt und langlebigen Aluminium übernahm KHE damit den Peg-Markt Deutschlands. Die Freunde Albert und Christian wurden die ersten Team- und Testfahrer und Thomas machte sich an die Konzeption neuer Teile, die weiterhin hauptsächlich die Unzulänglichkeiten damaliger Teile ausgleichen mussten. Eine doppelstöckige Sattelklemme, weil die Rahmen am Sattelrohr immer brachen, riesige Unterlegscheiben als Verstärkung damaliger Dropouts, geneigte Vorbauten, weil die Druckguss-Exemplare der Zeit den Belastungen nicht standhielten. Alles, was sich aus Alu drehen oder fräsen liess, ging Thomas an, den zu der Zeit hatte er keinen Zugriff auf hochwertigen Stahl und auch keine Möglichkeit, diesen zu verarbeiten.

Aber Stahl brauchte er, denn er wollte gerne einen Rahmen bauen. Thomas machte sich auf die Suche nach Chromoly-Rohren und klopfte bei Mannesmann an, doch die wollte die eigenartigen Maße, die man für BMX-Rahmen brauchte, nur pro Kilometer verkaufen – etwas das für eine kleine Firma wie KHE kaum in Frage kam. Er stolperte über ein Lager von Rohren aus der Konkursmaße des französischen Radherstellers Motobecane  Der Prototyp dieses Rahmens wurde bei Albert Retey im Keller aus PVC-Rohren mit Fön und Heißkleber konstruiert. Mit diesem Prototypen und den Rohren aus Frankreich machten sich Albert und Thomas auf den Weg nach Minsk in Russland, wo die ersten KHE-Rahmen geschweißt wurden.

1993 war es dann soweit: Die ersten KHE „Catweazle“ Rahmen wurden ausgeliefert und Thomas kam seinem Traum vom KHE Komplettrad einen großen Schritt näher. In den nächsten Jahren entwickelte sich die Firma rasant: KHE übernahm den Großhandel von Heavy Tools und die Ausstattung ihrer BMX-Räder, sie knüpften Kontakte nach Taiwan und konnten dadurch sowohl die Qualität der Produkte als auch die Produktionskapazitäten beträchtlich steigern. Erste Korpletträder kamen auf den Markt. Der Sportartikelhersteller Puma kam als Co-Sponsor an Bord und KHE unterhielt ein großer Team voll namhafter Fahrer, das durch ganz Europa und die Welt zu Shows und Wettbewerben reiste.

Und Thomas trieb die Entwicklung von BMX Teilen kontinuierlich weiter: Er entwickelte Freecoaster-Naben, begann mehrfach konifizierte Rohre zu verwenden, entwickelte Flatland-Rahmen aus Aluminium, ein neuartiges Rotorsystem versteckt im Steuerrad der Rahmen und faltbare Kevlaer-Reifen für Rampe, Dirt und Street die im Gewicht deutlich unter den Reifen ihrer Zeit lagen.

Leider war es dann eben diese Größe und die allhergebrachte Lieferkette aus Hersteller, Großhandel und Einzelhandel, die der Firma 2015 fast das Genick brach. Ein unbezahlter Großauftrag reichte, und KHE konnte die Ware nicht auslösen und demzufolge auch nicht mehr liefern. Die Firma, bzw. KHEs angeschlossener Großhandel TG Supplies GmbH musste Insolvenz anmelden. Thomas und Wolfgang entschlossen sich zu einem damals sehr radikalen Schritt: Sie durchbrachen die Strukturen der Zeit und begannen, über das Internet die Produkte direkt an die Fahrer zu verkaufen. Was damals noch als Affront gegen die Händler und Großhändler verstanden wurde, ist heute gang und gebe und hat die Firma rückblickend gerettet.

Und so verkauft KHE Bikes weiterhin BMX Räder und Teile weltweit über den Webshop ab dem Lager in Dettenheim bei Karlsruhe, wo Räder vormontiert werden und Thomas weiter fleißig Produkte entwirft. KHE bemüht sich, einen Markt zu bedienen, der aus TGs Sicht sträflich vernachlässigt wird: jedes Einzelteil der Räder ist nachbestellbar und meist ab Werk verfügbar. Qualitativ hochwertige Teile zu günstigen Preisen, ohne hochpreisiges Branding, um BMX fahren auch für Kinder und Neulinge erschwinglich zu machen.

Als BMXer der ersten Stunde hielt Thomas Göring konsequent an seiner Vision fest und schuf 1988 die erste reine, rider-owned BMX Company Deutschlands. Aus dem Souterrain Appartment voller Aluspäne entwickelte sich KHE zu einer der größten, weltweit agierenden BMX Firmen und treibt mit innovativen Ideen der Markt weiter voran. Für diesen Einsatz wurde Thomas "TG" Göring 2026 in die deutsche BMX Hall of Fame aufgenommen.