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Bernd Schneider

Bernd Schneider

Mit dem großen Erfolg des Films E.T. aus dem Jahr 1982 kamen die ersten BMX-Räder in die heile Welt der Gelsenkirchener Rollerskater – und dem 13-jährigen Bernd Schneider gefiel das anfangs gar nicht. Erst als er ein verchromtes „Moto 1“ mit goldenen Felgen und einem goldenen Lenker sah, war er begeistert.

Sein finaler Kick in die BMX-Welt hieß Oliver Hallmann. Der war stolzer Besitzer eines Redline-Rades zweifelhafter Herkunft und zahlreicher BMX-Magazine. Bernd sah zum ersten Mal, welches Potenzial in seinem Fahrrad steckte. Gemeinsam fuhren sie zu Rennen in den Ponypark Slagharen und übten Wheelies im Stehen. Auch Bernd nahm an einem Rennen auf der Strecke in Gevelsberg teil, doch die vielen Leute um ihn herum machten ihn nervös und er stürzte im Viertelfinale. Aber BMX ging weiter. Bernd reiste in die BMX-Hochburg Dortmund und entdeckte die lebendige Szene an der Reinoldikirche. Das BMX-Studio Eckhoff wurde seine Pilgerstätte, und Leute wie Thomas Gerstmann und Björn Paetow sorgten für genug Inspiration, um den nächsten Winter bei Wind und Wetter auf dem Schulhof seiner Grundschule zu verbringen und Tricks auf seinem BMX zu lernen.

Bereits im darauffolgenden Sommer sollte ihm dieser Eifer den Einstieg in die Dortmunder Szene verschaffen. Bernd war mittlerweile auf einem Kuwahara KZ-1 unterwegs, doch die merkwürdige Geometrie des Rads bereitete ihm Probleme. Also ging er erneut ins BMX Studio Eckhoff, diesmal in die neue Filiale in Bochum. Und da stand er: ein nagelneuer VDC „Changa“ – der Beginn einer bis heute andauernden Liebe. Auf einmal ging alles wie von selbst. Bernd war VDC so dankbar, dass er dem Unternehmen Liebesbriefe und Fotos von sich auf dem neuen Rad schickte.

Naheliegend also, dass ihn die nächste Pilgerreise genau dorthin führen würde: Im Jahr 1984 unternahm Bernd mit seiner Schwester eine große Reise durch die USA. Die Details sind schwammig. Es gab viele Flüge und viele Rentner, aber zwei Dinge sind ihm im Gedächtnis geblieben: Zum einen der Ausflug zu VDC in Santa Ana, wo er einen von nur 50 nie veröffentlichten Mike-Dominguez-Signatur-VDC-Rahmen ergatterte, und zum anderen sein Ausflug zu Aji’s Bike Shop in San Francisco, um ein paar günstige Flight-Cranks zu ergattern – zur dieser Zeit in Deutschland unbezahlbar. Dort traf er Maurice Meyer, der nur wenige Wochen später mit Dave Vanderspek und Robert Peterson auf Deutschland-Tour gehen sollte. Der Beginn einer Freundschaft, die bis heute währt. Sie trafen sich auf der Skyway Show in Gevelsberg, und Maurice lud ihn zu sich nach San Francisco ein. Das sagt sich natürlich leicht, aber Bernd nahm ihn beim Wort und verbrachte ab diesem Zeitpunkt alle Ferien in Nordkalifornien. Er tauchte in die Szene im Golden Gate Park ein. Er lernte die Leute kennen, landete irgendwie in einem Auto nach Venice Beach und nahm an seinem ersten Freestyle-Contest teil, dem legendären AFA „Chaos at Venice“ Contest. Bernd gewann die Klasse der Unter-16-Jährigen „Novice“ und begann seinen Lauf mit Uli Heidkamps „Astro Hops“. Niemand auf dem Contest kannte oder konnte diesen Trick.

Zurück in Deutschland nahm auch die hiesige Contest-Szene langsam fahrt auf und Bernd fuhr seinen ersten Wettbewerb auf deutschem Boden 1985 im Kölner Jugendpark, wo er wieder mit den Astro Hops begann, aber vor allem mit seinem unkonventionellen Stil auf sich aufmerksam machte. Im Vergleich zum Contest in Venice Beach, der unter Palmen stattfand und die Rockstars sich im Publikum tummelten, wirkten die hiesigen Contests zwar ziemlich piefig aber Bernd lernte die neue deutsche Freestyle Szene kennen und knüpfte Freundschaften für’s Leben. Der Rollhockey-Coach Freddy Schneider begann mit seinen Bemühungen, Freestyle einen offiziellen Anstrich zu geben und kührte Bernd in einer kleinen Turnhalle im Örtchen Schleiden bei Euskirchen zum Westdeutschen Meister. Die etwas später gegründete „DFO“ rief zum „Supercup“ und veranstaltete ihre deutschen Meisterschaften vor der der skurrilen Kulisse des Autohauses „Voets“.

Bernd gewann die meisten dieser Contests, doch es zog ihn immer wieder in die USA. 1986 ging auf Tour mit Haro, die er im Jahr zuvor kennen gelernt hatte. 1987 machte er sein Abitur und verbrachte danach ein Jahr in den Staaten um mit Jess Dyrenforth und Sean Wilkerson „School Shows“ für Haro im LA County zu fahren. Sogar nach Tahiti wurden sie geflogen, in dieser Mischung aus Verkehrserziehung und Freestyle Show.

Als er 1988 nach Deutschland zurückkehrte, hatte sich die Freestyle-Szene gewandelt. Die Zeiten des Show-Chrome-Gehopses waren vorbei und Wolfgang Meinung und Albert Retey hatten die Schrauben des deutschen Flatlands angezogen. Bernd war überrascht vom Niveau, auf dem hierzulande Rad gefahren wurde. Er begann sein Studium der Zahnmedizin, welches naturgemäß Zeit beanspruchte, die er sonst auf dem Fahrrad verbracht hatte. Und dennoch zeigte er bei seinem letzten Contest auf der Weltmeisterschaft 1990 in Kenn einen Lauf, von dem er rückblickend sagt, dass es das Beste war, was er in seiner Karriere in einer Contestsituation gezeigt hatte. Zu selber auf dem E-Piano eingespielter Musik präsentierte er Tricks, die wie aus der Zeit gefallen wirkten. Old School? New School? Next School? Es war die Bernd-Schneider-School, und sein Stil unverwechselbar und einzigartig.

Denn Bernd war „Freestyle“ als in Deutschland der Großteil der Szene noch in Plastikhosen Amerika nachspielte. Er zeigte seine eigenen Trickkreationen, die oft aus beinahe Stürzen oder Zufällen entstanden waren, fuhr ein eigentümliches Rad dessen Hersteller noch nicht einmal ein angesagtes amerikanisches Freestyle-Team hatte und fuhr seine Contest-Läufe zu Musik, die sich deutlich vom fast standardisierten Hip-Hop seiner Mitstreiter abhob. Er selber führt das auf seine Umgebung zurück: Schon an der Reinoldikirche in Dortmund suchte man nach dem eigenen Stil und in San Franciscos Golden Gate Park reichten die Einflüsse vom Heavy Metal über Skateboarding bis hin zur Akrobatik. Dazu kam sein Ehrgeiz und sein Anspruch, sich von der Masse abzuheben. So hinterließ er seine Spuren in der deutschen Flatland-Szene der späten achtziger Jahre und trug viel dazu bei, Deutschland international auf die sprichwörtliche Karte zu setzen.

Als einer der Pioniere des Flatland in Deutschland machte er, wovon viele nur träumten: Er tourte mit den Stars der Szene durch die Welt und gewann Contests in Deutschland und den USA.