Thomas Stellwag in Eching 1985
Thomas Stellwag
Wenn man einen echten BMX Lifer sucht, muss man nicht weiter schauen: Thomas Stellwag fuhr BMX, lange bevor es BMX in Deutschland überhaupt gab, und er tut es heute noch.
1975, aufgewachsen in Oberschleißheim, war Thomas' Spielwelt von den Spuren des Krieges geprägt: Bombenkrater, Kiesgruben, zerbombte Flächen. Was für andere Brachland war, wurde für ihn und seinen besten Kumpel zum Abenteuerspielplatz. Die Oma hatte einen Hof, und dort lagen alte Fahrräder herum – vom Vater, vom Bruder. Kurzerhand baute er Omas Rad um: Schutzbleche ab, und los ging's.
Die Inspiration kam von den Motocrossern, die in der Gegend unterwegs waren. Das wollten sie auch machen – Schanzen bauen, heizen, springen. Sie nannten es „Fahrradcross" und machten mit ihren umgebauten Rädern Unsinn, ohne zu ahnen, dass genau das anderswo gerade als BMX einen Namen bekam.
Erst später dämmerte Stellwag, dass das Rad eigentlich viel zu groß war für das, was er damit anstellte und er fand ein eigentümliches 20-Zoll Beachcruiser-ähnliches Bonanzarad auf dem Sperrmüll. Und auch der nächste Schritt kam vom Sperrmüll: Der Raleigh, den er dort fand, kam dem eigentlichen Traum schon viel näher. Als der nächste Geburtstag nahte, sollte dann auch BMX drauf stehen und so fand sich kurz vor dem Ehrentag ein weißes BMX 2000 im heimischen Keller. Doch die Grenzen des Rades wurden ihm vor Augen geführt, bevor er es überhaupt sein Eigen nennen konnte: Eine heimliche Probefahrt endete in einer völlig verbogenen Gabel und zu der Misere, überrascht über das Geschenk tun zu müssen, gesellte sich die Angst, dass seine kleine Spritztour in der Woche vor dem großen Tag auffliegen würde.
In den folgenden Monaten pilgerte Thomas in die damals üppig ausgestattete BMX-Abteilung des Karstadt-Kaufhauses und rüstete sein Rad mit Centurion Anbauteilen auf. Der nächste Geburtstag brachte dann einen Velo Schauff "Rattlesnake" Rahmen und die Bravo mit Fotos des amerikanischen Skatepark-Pioniers Jeff Watson erschien. Jetzt offenbarte sich ihm das voll Potential seines Rades und BMX wurde zum Lebensinhalt.
Archiv: Bravo
Bravo 30 / 1983
Doch leider war Oberschleißheim nicht unbedingt eine BMX-Hochburg. Thomas fuhr zur BMX Bahn im Münchener Olympiapark, wo auch eine Quarterpipe stand, aber der Weg war für das tägliche Vergnügen zu weit. Er fuhr dort einige Anfängerrennen, machte sich aber ansonsten im nahegelegenen Örtchen Unterschleißheim auf die Spurensuche nach Gleichgesinnten, wo er auch zur Schule ging. Gemeinsam wurde eine kleine BMX-Bahn gebaut aber der Spaß fand für Thomas weiterhin auf der Straße statt. Rollstuhlrampen und gepflasterte Merkwürdigkeiten der Ortschaft wurden genutzt um die Tricks zu lernen, die in den Magazinen auf den schönen Rampen zur Schau gestellt wurden.
Die Rampen rückten dann später näher. Der erfolgreiche Racer Daniel Juling hatte in Eching eine kleine BMX-Bahn aufgebaut und gemeinsam bauten sie dort eine Quarterpipe. Thomas fuhr begeistert Rampe, doch die ohnehin schon überschaubare BMX-Szene schrumpfte weiter. Irgendwann stand er weitgehend allein da, und erst als die Skater an der langsam verwildernden Bahn eine Halfpipe errichteten gab es wieder Gleichgesinnte. Thomas war zwar einziger BMXer – aber einer der es ernst meinte, und das wußten auch die Skater zu würdigen.
Vom ersten Geld kaufte sich Thomas einen GT Aggressor aber er war weiterhin weitgehend ahnungslos, was die deutsche Freestyle-Szene anging. Bis dann 1990 mit einem Paket von Rainer's Bike Shop ein Flyer ins Haus flog: die ersten Weltmeisterschaften auf deutschem Boden. Er traute seinen Augen kaum. Direkt trommelte er die im Großraum München versprengten BMXer zusammen, kaufte sich einen VW-Bus und organisierte eine Reisegruppe in das kleine Örtchen Kenn bei Trier.
Ein wenig reumütig zurückblickend auf die vermeintlich "verpassten" Jahre stürzte sich Thomas direkt kopfüber in das deutsche BMX Geschehen: Schon im folgenden Jahr 1991 organisierte er den ersten Contest in Eching und brachte sein erstes Video "Soul Rideo" heraus. 1992 meldete er ein Gewerbe an, mit dem er BMX Teile aus seinem Keller verkaufte, 1995 eröffnete er sein Ladengeschäft "360 Grad Sportshop" in Lohhof und 1997 begann der Bau des Rolling Wheels Skateparks in Zusammenarbeit mit dem BMX und Skateboardverein, dessen zweiter Vorstand er seit 1990 war. Auch 1997 gründete er seinen Großhandel "AllRide Distribution" für den Import und Großhandel amerikanischer BMX-Marken. Beide Geschäfte und den Skatepark gibt es noch heute.
Doch Thomas ist kein Geschäftsmann, sondern vor allem BMXer. Er fuhr Contests in den Disziplinen Street, Mini und Vert. Er gewann zahlreiche Titel und war einer der ersten Deutschen, die Backflips sprangen. Er gehörte zu den Ersten, die sich hierzulande die Bremsen abmontierten oder große Rails grindeten. Doch darum ging es nicht. Es ging darum, Gleichgesinnte zu treffen, mit denen man eine Leidenschaft teilt. Es ging darum, BMX in allen Facetten zu erfahren: Contests, Jams, Sessions, Roadtrips oder einfach nur rumfahren. Alleine oder mit anderen, in Lohhof, Eching oder der ganzen Welt. Sich auf dem Rad ausleben und Unsinn machen, wie in den Kratern von Oberschleißheim. Und darum geht es heute noch. BMX takes you places. BMX ist Leben.
Vom "Rallyecross" in den Bombenkratern auf die internationale Bühne und wieder zurück – Thomas Stellwag ist BMX durch und durch und dafür begrüßen wir ihn in der deutschen BMX Hall of Fame.
- 1991 Deutscher Meister BMX Expert Ramp in Freiburg
- 1992 Deutscher Meister Pro, Miniramp (DM Braunschweig)
- 1992 Deutscher Meister Pro Vert (DM Braunschweig)
- 1993 Weltmeister BMX Expert Vert (WM Limoges, Frankreich)
- 1993 Deutscher Meister BMX Pro Street (DM Nürnberg)
- 1994 Deutscher Vizemeister Pro Vert (DM Beerfelden)
- 1994 Vizeweltmeister Master Vert (WM Köln)
- 1994 3.Platz Weltmeisterschaft BMX Pro Street (WM Köln)
- 1995 3.Platz Deutsche Meisterschaft Pro Street (DM Köln)
- 1996 3.Platz Deutsche Meisterschaft Pro Miniramp (DM Gladbach)
- 1997 5.Platz Deutsche Meisterschaft Pro Dirtjump (DM Lohhof)
- 2000 8.Platz Weltmeisterschaft BMX Pro Street (WM Köln)
- 2001 10.Platz Deutsche Meisterschaft BMX Pro Street (DM Lohhof)
- 2005 5.Platz Deutsche Meisterschaft Pro Street (DM Coburg)